Ordentlicher Bundesparteitag 7.-9. Dezember in Berlin


Beschlüsse - Antragsbereich Umwelt-, Energie und Verkehrspolitik

Beschluss IA 1

Resolution:
Zukunftsfähige Energiepolitik -
eine sichere Energieversorgung ohne Atomkraft

  1. Unser Ziel ist eine nachhaltige Energieversorgung

    Wir Sozialdemokraten sind angetreten, die Energieversorgung in der Bundesrepublik zu modernisieren. Unser Ziel ist eine nachhaltige Energieversorgung, die umweltverträglich, preisgünstig und sicher ist und den Anteil der regenerativen Energien massiv fördert, um die Brücke ins Solarzeitalter zu bauen. Nur durch die Ausrichtung auf die Ziele Versorgungssicherheit, Energiesparen und Ausbau der Solarenergie können Energieerzeugung, Dienstleistungen und Innovationen und damit Beschäftigung in der Bundesrepublik gesichert, Zukunftsmärkte erschlossen und die natürlichen Lebensgrundlagen geschützt werden.

    Eine nachhaltige Enrgieversorgung ist von zentraler Bedeutung für Wirtschaft, Beschäftigung und Umweltschutz. Die abgewählte Bundesregierung hat die Modernisierung erst jahrelang versäumt, so dass ein gewaltiger Reformstau entstanden ist, und dann im April 1998 ein Energiegesetz durchgepeitscht, das Fehlentwicklungen gefördert oder verschärft hat. Das neue Energierecht löste eine gewaltige Konzentrationswelle aus. Es geht zu Lasten der Beschäftigten, erschwert die Durchsetzung ökologischer Alternativen und blockiert notwendige Innovationen.

    Wir wollen einen neuen Energiekonsens in unserem Land erreichen. Energieeinsparung und Solarenergie haben in der Bevölkerung eine hohe Zustimmung. Die Steigerung der Energieeffizienz und die Ausschöpfung von Produktivitätsreserven zur Senkung der Energiekosten sind im Interesse von Wirtschaft, Beschäftigung und Umwelt. Auch international ist es, wie der Erdgipfel zu Umwelt und Entwicklung aufgezeigt hat, von großer Bedeutung, zu einer nachhaltigen Energieversorgung zu kommen. Nur so können die Herausforderungen bewältigt werden, die sich aus dem Zusammenkommen von Umweltgefahren, Bevölkerungswachstum und nachholender Industrialisierung ergeben.

    Eine Fortsetzung der heutigen Energieverschwendung mit ihren negativen Folgen für Klima, Umwelt und Entwicklung würde dagegen die Konflikte verschärfen und die Welt zu einer zerbrechlichen Einheit machen. Hoher Energieverbrauch ist jedoch nicht zwangsläufig. Es gibt machbare und vorteilhafte Alternativen in Richtung auf eine Einspar- und Solarwirtschaft, die große Chancen für Wirtschaft, Beschäftigung und Umweltschutz eröffnet. Deshalb werden wir in Verantwortung für unser Land, für die Lebenschancen künftiger Generationen und für eine friedliche und sichere Zukunft die Energieversorgung sozial- und umweltverträglich modernisieren.

  2. Die Energiepolitik steht vor großen Herausforderungen

    Wir Sozialdemokraten wollen eine sichere Energieversorgung ohne Atomkraft. Seit den großen Unfällen von Tschernobyl und Harrisburg wissen wir aus Sicherheitsgründen, dass der Ausstieg aus der nuklearen Stromversorgung notwendig ist. Zuletzt hat der Unfall in der japanischen Atomfabrik Tokaimura gezeigt, dass es auch in Hochtechnologieländern zu gefährlichen Zwischenfällen kommt. Zudem ist nirgendwo in der Welt bisher ein gesicherter Einschluss des atomaren Abfalls, der Mensch und Natur über Jahrtausende schützt, gewährleistet.

    Der Bundesparteitag unterstützt die Bundesregierung in ihrem Bemühen, so schnell wie möglich aus der Atomenergie auszusteigen. Eine Mehrheit der Bevölkerung unterstützt dieses Ziel. In diesem Sinne gibt es seit Jahren einen breiten energiepolitischen Konsens, der von der alten Bundesregierung ignoriert wurde. Der Dialog zwischen Bundesregierung und Atomenergiewirtschaft ist an einen Entscheidungspunkt angekommen. Der Ausstieg aus der Kernenergie mit entschädigungsfreien Restlaufzeiten kann jetzt entweder im Konsens oder muß politisch und per Gesetz geregelt werden. Auch der Staat hat zahlreiche Möglichkeiten, die Modernisierung der Energieversorgung durchzusetzen, insbesondere durch eine Streichung von Privilegien und Sonderrechten. Der Parteitag bekräftigt, dass die Wiederaufbereitung so schnell wie möglich beendet und eine Konzeption der zukünftigen Entsorgung vorgelegt werden.

    Doch auch unabhängig vom Ausstieg aus der Atomkraft besteht ein großer Handlungsbedarf. Die Neugestaltung der Energieversorgung ist vor allem aus folgenden Gründen erforderlich:

    • Klimaschutz und Umweltverträglichkeit: Angesichts der zunehmenden Gefahr einer globalen, von Menschen verursachten Klimaänderung mit unübersehbaren Folgen für das Leben auf der Erde müssen die Ziele des Erdgipfels von Rio zügig umgesetzt werden. Die Industriestaaten müssen hierbei vorangehen. Der Bundesparteitag begrüßt, dass die Bundesregierung ehrgeizige Ziele zur Verminderung der Treibhausgase aufgestellt hat und ihren Verpflichtungen zur Senkung klimaschädlicher Emissionen nachkommt. Er sieht im Klimaschutz eine wichtige Begründung, aber auch einen starken Antrieb für die Modernisierung der Energieversorgung, denn die Veränderung im Treibhaussystem der Erde werden überwiegend von Emissionen aus dem Energiesektor verursacht.
    • Liberalisierung der europäischen Energiemärkte: Die europäische Energiewirtschaft ist auf dem Weg von der Plan- zur Marktwirtschaft. Es besteht allerdings die Gefahr, daß es zu einer neuen europäischen Großraumverbundwirtschaft kommt, die von wenigen Großanbietern beherrscht wird und die Bundesrepublik immer stärker zu einem Stromhandelsland macht. Um die Energieerzeugung und einem vernünftigen Energiemix in der Bundesrepublik zu sichern, die Kosten von Energieimporten zu senken, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen sowie mehr Umweltschutz durch moderne Einspar- und Solartechnik zu ermöglichen, darf die Energieversorgung nicht allein von einem zudem ungleichen Preiswettbewerb auf den Absatzmärkten bestimmt werden.

    Ein funktionierender Wettbewerb verbessert die Kostenstrukturen zugunsten von Energiedienstleistungen und besserer Marktchancen erneuerbarer Energien. Er stärkt damit die regionalen Wirtschaftskreisläufe. Dieser Prozeß muß politisch gestaltet werden. Der Bundesparteitag unterstützt deshalb die Bemühungen der SPD-Bundestagsfraktion für ein modernes Energierecht. Er begrüßt auch die verstärkten Anstrengungen, um in der Europäischen Union zu mehr Zusammenarbeit und zu verbindlichen Umwelt- und Sozialstandards zu kommen. Wichtige Schritte sind die Umsetzung einer EU-Einsparrichtlinie und die koordinierte Förderung der erneuerbaren Energien.

    Deshalb sehen wir den Ausstieg aus der Atomkraft in einem engen Zusammenhang mit dem Umstieg in eine effiziente, sichere und umweltverträgliche Energieversorgung. Sie braucht eine zukunftsfähige Perspektive. Die Modernisierung der Energieversorgung eröffnet große Chancen:

    • National für Innovationen, für die Sicherung und den Ausbau von Produktion und Beschäftigung vor allem im Dienstleistungssektor, für mehr Klima- und Umweltschutz sowie durch die Senkung der externen Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft durch hohe Folgeschäden an Umwelt und Gesundheit.
    • International durch die Erschließung wichtiger Zukunftsmärkte und durch die mittelfristige Verbesserung der Wettbewerbschancen durch eine höhere Produktivität in der Nutzung von Energie.

    Damit wird auch ein wichtiger Beitrag für das Bündnis für Arbeit und Umwelt erbracht, denn alle Untersuchungen zeigen, daß eine ökologisch ausgerichtete Energiepolitik mit großen Vorteilen für Wirtschaft, Beschäftigung und mehr Umweltschutz verbunden ist.

  3. Energiequelle Energieeinsparen

    Eine wettbewerbsfähige effiziente Energieversorgung wird nicht allein vom Einsatz des jeweiligen Primärenergieträgers, von der Kraftwerksgröße und den Energiepreisen bestimmt. Entscheidend ist vielmehr, den Gesamtprozeß zu sehen und den Energieeinsatz soweit wie möglich zu senken, um zu umweltschonenden und kostengünstigen Energieangeboten zu kommen.

    Nachhaltigkeit heißt für uns: Energiedienstleistungen so wirtschaftlich, rationell und umweltverträglich wie möglich zu erbringen und zugleich die Brücke ins Solarzeitalter zu schaffen. Große Einsparpotentiale liegen vor allem auf der Nachfrageseite. Deshalb hat die Energieeinsparung erste Priorität. Das umfaßt die Minimierung des Energieeinsatzes über die gesamte Energiekette.

    Angesichts langer Investitionszeiträume muß die Politik hierfür und für den Ausbau der erneuerbaren Energien die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehört, daß die Energiequelle Energieeinsparung Priorität vor der Erzeugung bekommt. Der Bedarf an Wärme, Licht und Kraft muß technisch und wirtschaftlich so effizient wie möglich erbracht werden. Die technischen Möglichkeiten sind dafür gegeben. Was wir brauchen, ist eine Effizienzrevolution in allen Anwendungsbereichen und in der Umwandlung der Primärenergie in Nutzenergie.

    Nachhaltigkeit heißt auch den Ausstieg aus der Atomenergie zu beschleunigen, um die Wende hin zu einer effizienten und umweltverträglichen Energieversorgung zu fördern. Die Möglichkeit einer Reaktorschmelze und einer Verstrahlung großer Gebiete können nicht als hypothetisches Risiko abgetan werden. Zu den Sicherheitsrisiken zählen auch die ungelöste Entsorgung und die Gefahren des Brennstofftransportes. Dem setzen wir eine Energiepolitik entgegen, mit der die Atomkraft effizient, kostengünstig und versorgungssicher substituiert und die Wettbewerbschancen effizienter und umweltverträglicher Energiedienstleistungen und neuer Energieerzeugungstechnologien verbessert werden können.

  4. Eckpunkte sozialdemokratischer Energiepolitik

    Eine nachhaltige Energiepolitik orientiert sich an qualitativen Zielen. Um in einem liberalisierten europäischen Energiemarkt bestehen zu können, aus der Atomkraft auszusteigen und das Klimaschutzziel zu erreichen, ist unserer Energiepolitik an folgenden fünf Leitlinien ausgerichtet:

    1. Effizienzsteigerung: Die Energieproduktivität wird von derzeit rd. 1,7% in den nächsten 10 Jahren auf möglichst rund 3% pro Jahr gesteigert. Das technische Potential ist hierfür vorhanden. Dafür müssen vor allem auf der Nachfrageseite die Hemmnisse beseitigt werden, die einer Nutzung entgegenstehen. Die Energieeinsparverordnung ist ein wichtiger Schritt für mehr Effizienz, sie darf aber nicht auf den Gebäudebereich beschränkt bleiben, sondern muß auf andere energieverbrauchende Geräte und Anlagen ausgedehnt werden. Energieverbrauchsangaben, Energiepässe und ggf. auch steuerliche Differenzierungen sind hierfür geeignete und weiter auszubauende Instrumente.
    2. Ausbau der dezentralen Energieversorgung und der Kraft-Wärme-Kopplung: Die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) ist ein wichtiger Beitrag, um die dezentrale Energieerzeugung zu sichern und die klimaschädlichen CO2-Belastungen zu verringern. Sie braucht deshalb eine Vorrangstellung. Ihr Anteil soll in den nächsten 10 Jahren deutlich gesteigert werden. Der Bundesparteitag begrüsst deshalb die Bemühungen von Bundestagsfraktion und Bundesregierung, die für die Sicherung und den Ausbau der dezentralen Energieversorgung und der Kraft-Wärme-Kopplung erforderlichen Instrumente einzusetzen. Dazu zählen insbesondere die Vorschläge einer Quotenlösung, eines Bonussystems und einer Regelung wie im Stromeinspeisegesetz.
    3. Stärkung der erneuerbaren Energien: Der heute noch bescheidene Anteil erneuerbarer Energien von 2,3% am Endenergieverbrauch muß bis 2010 möglichst verdreifacht werden. Das erfordert, die Forschung und Entwicklung auf diesem Sektor zu verstetigen und zu verstärken, den Transfer neuer Technologien und neuen Wissens in die Praxis zu beschleunigen und die Markteinführung einer breiten Palette erneuerbarer Energien zu fördern. Für die erneuerbaren Energien ist die schnelle Novellierung des Stromeinspeisegesetzes erforderlich, die ausreichende und längerfristig berechenbare Rahmenbedingungen und einen bundesweiten Lastenausgleich schafft. Im Bundeshaushalt müssen die Mittel für die Markteinführung erneuerbarer Energien, einschließlich des 100.000 Dächer- und Fassaden-Solarprogramms, auf einem hohen Niveau gesichert bleiben.
    4. Sicherung der Grundlastversorgung mit effizienten Kraftwerken: Neben dem Ausbau der Energiedienstleistungen sind zur Sicherung des Energiestandorts Deutschland und einer effizienten, umweltfreundlichen Erzeugungstechnik neue Kraftwerkstechnologien mit hohen Wirkungsgraden im Rahmen des anstehenden Erneuerungszyklus einzusetzen.

    5. Gestaltung der europäischen Energiemärkte: Die Entwicklung der Strom- und Energiemärkte hin zu einer EU-Wettbewerbsordnung der Energiemärkte ist unumkehrbar. Deshalb kommt es im Interesse von Wirtschaft, Beschäftigung, Verbraucher und Umweltschutz jetzt darauf an, diesen Wettbewerbsprozeß sozial und ökologisch zu gestalten. Der Bundesparteitag fordert die Bundesregierung und die Bundestagsfraktion auf, das Energiegesetz umgehend zu novellieren. Dazu gehören:
      • ein schneller Abschluss der Verbändevereinbarung und die Überführung in (oder die Schaffung von) gesetzliche Regelungen, die den diskriminierungsfreien Netzzugang, die Durchleitungs- und Abrechnungsmöglichkeiten regelt;
      • eine eindeutige Regelung der Versorgungspflicht, die die grundgesetzlich verankerte Pflicht zur solidarischen Daseinsvorsorgepflicht sichert;
      • die Sicherung eines funktionsfähigen Wettbewerbs auf den Energiemärkten, insbesondere die Verhinderung marktbeherrschender Stellungen;
      • eine Marktöffnung in allen EU-Staaten durch Umsetzung der Binnenmarktrichtlinien für Strom und Gas und die Schaffung einer sozial- und umweltverträglichen Wettbewerbsordnung. In diesem Zusammenhang sind auch Regeln zu finden, die eine Anwendung der Reziprozitätsklausel im europäischen grenzüberschreitenden Verkehr in wirksamer Weise möglich machen;
      • die Förderung der Wirtschaftlichkeit und Sicherung der Arbeitsplätze der kommunalen Versorgungsunternehmen;
      • die Sicherung der heimischen Ressourcen, insbesondere im Bergbau bei Stein- und Braunkohle für einen zukunftsfähigen Energiemix.